Zocken = reine Männersache?

Lara Croft

Quelle: Square Enix

Es fühlt sich jedes Mal wie ein Outing an, wenn ich (als Frau) sage, dass ich Videospiele mag. Die einen hören, dass ich mich beim Einschalten der Konsole oder des PCs in ein attraktives, schwedisches Unterwäschemodel (oft unter dem Begriff „Gamer-Girl“ zu finden) verwandeln kann, die anderen, dass ich zu einem dicken Mann werde, der im Keller seiner Mutter hockt. Aber was soll das eigentlich, dass es für manche so außergewöhnlich scheint, wenn Frauen zocken?

Ich möchte gleich zu Beginn anmerken, dass es selbstverständlich auch tolerante Männer, Frauen, etc. gibt, die nichts dagegen auszusetzen haben, dass Frauen „auch“ Games mögen. Ich spreche also eher von wenigen, aber auffälligen (und intoleranten) Menschen und möchte auf gar keinen Fall verallgemeinern.

Es begegnete mir nicht sehr oft, das Klischee vom „Gamer-Girl“. Umso erstaunter war ich dann, wenn ich gefragt wurde, ob ich Videospiele nur spiele, um Männer zu beeindrucken – weil viele Frauen nun mal von sich aus kein Interesse am Zocken haben. Ich muss nicht betonen, dass dieses Klischee nicht umsonst ein Klischee ist. Es verhält sich ähnlich wie mit Frauen,die (viel) Make-up tragen: Nicht alle Frauen schminken sich nur, um damit Männern zu gefallen. Wo ist denn der Gedanke geblieben, dass man etwas nur aus Spaß tut? Dass man nicht immer den Hintergedanken hat, jemanden zu beeindrucken? Auch ich versinke gerne mal in einem guten Rollenspiel und sitze einfach stundenlang vor dem PC, um eine neue Welt zu entdecken. Ich trage gerne draußen ein T-Shirt mit dem Witcher-Logo darauf, weil es einfach ein tolles Spiel war, und denke mir währenddessen nicht, dass ich irgendwelche Fremden damit beeindrucken will.

Außerdem muss ich auch sagen, dass es nicht geschlechtsspezifisch ist, ob man gut oder schlecht im Zocken ist. Es kam nicht sehr oft vor, doch diese Bemerkungen bleiben trotzdem nicht ungesehen: „Ja, Videospiele sind nichts für Weiber, die können sowieso nicht zocken“. Es mag zwar wenige Menschen verwirren, aber das Geschlechtsteil hat weniger Einfluss auf die Leistung beim Zocken als es Stereotype tun. Eine Studie (vgl. Croizet und Claire, 1998) hat u.a. herausgefunden, dass Frauen nicht unbedingt schlechter in Mathe sind, aber das Stereotyp allein („Frauen können einfach kein Mathe“) kann die Leistung erheblich beeinflussen. Nebenbei das Ergebnis: Die Frauen schnitten beim Leistungstest wesentlich schlechter ab als Männer. Dieses Phänomen nennt sich „stereotype threat“ und betrifft nicht nur Frauen, sondern auch andere Bevölkerungsgruppen wie ethnische Minderheiten bei Leistungstests. Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass dies auch aufs Zocken zutrifft: Manche quatschen davon, dass Frauen nicht zocken können, weil… weil halt – und tatsächlich zeigt sich dies dann manchmal auch in einem online Match, wodurch der Stereotyp nur verfestigt wird. Solche Stereotype sind es vielleicht, warum viele Frauen sich gar nicht erst ans Zocken heran trauen?

Natürlich treffe ich (bei meinem „Outing“) ebenso auf negatives Feedback von der weiblichen Seite. „Wie, du spielst Videospiele? Okay… (leicht irritiert, leicht spöttisch) Und was machst du da so…? Und warum?!“. Ich bin zwar keine Person, die leicht von solchen Aussagen zu beeindrucken ist. Jedoch war ich schon sehr verwundert darüber, dass es anscheinend nicht in Ordnung ist, als Frau zu zocken. Zumindest konnte ich anhand der Blicke deuten, dass ich innerhalb weniger Sekunden vor ihren inneren Augen zu einem Mischwesen mutiert bin: Halb Mann, halb Frau. Die Level-Anzeige für meine Weiblichkeit sank vermutlich um die Hälfte.

Hinterher fragt man sich dann, warum manche Frauen so feindselig bezüglich diesem Thema sind, vielleicht sogar noch mehr als Männer. Liegt es daran, dass Videospiele wie die Farbe Blau und Spielzeugautos und Mathematik sind – einfach kein Mädchending? Fängt das schon bei den „typisch männlichen“ Inhalten von Videospielen an? Oder doch bei den Medien, die gerne zwischen „Mädchen-“ und „Jungskram“ (siehe Spielzeugwerbung) unterscheiden? Meiner Meinung nach haben Games kein Geschlecht. Ein Shooter ist für mich genauso ungeschlechtlich wie Super Mario, aber anscheinend ist es für weibliche Genossen nur in Ordnung, Super Mario, Singstar, Nintendogs und co. zu mögen. Woher genau diese Interpretation kommt, wird mir wohl bis auf weiteres unklar bleiben. Ich kann nur rätseln, warum dies der Fall ist. Vielleicht, weil Shooter eher Gewalt beinhalten und Gewalt eben „typisch männlich“ ist? Ich muss gestehen, dass ich selber dieses leicht klischeehafte Denken hatte, bevor ich richtig in die Gamerszene kam. Wenn man jedoch erstmal Spiele wie Borderlands 2 gespielt hat, erkennt man schnell, dass Gewalt auf eine herrlich selbstironische Art auch lustig sein kann und dass man kein Mann sein muss, um Shooter gut zu finden. Vielleicht muss man/frau zuerst lernen, dass Games nicht automatisch nur für Männer sind.

Ich finde es ehrlich gesagt schade, dass es noch solch Stereotype und klischeehaftes Denken gibt: Als Mann „darfst“ du Games und Autos mögen, als Frau Shopping und Make-up. Doch es gibt Ausnahmefälle von dieser Regel, und diese zocken trotzdem, denn es ist völlig egal, welchem Geschlecht du angehörst und welche Stereotype existieren. Letztendlich soll bei Games doch nur der Spaß zählen.

GP-Anna
Ich bin frisch eingezogen im Nerd-Kosmos. Großer Fan von Rollenspielen und Horror. Leseratte hoch zehn. Bei Fragen oder Kommentaren einfach hier melden: anna.eisenmann@gamersplatform.de

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